Erfahrungsbericht Hospitation von Susanne Nagel

Bericht über eine Hospitation in der Valere Privatklinik (Psychosomatische Klinik) Dachsberg/Südschwarzwald vom 12.09.-24.09.2017

von Susanne Nagel

 

Eine erfolgreiche Psychotherapie in zwölf Tagen… ist das möglich? Ist da nicht der Wunsch der Vater des Gedankens?

Schöne Vorstellung, in so kurzer Zeit unser Innenleben „aufzuräumen“, Klarheit zu bekommen, seelische Blockaden zu lösen, Trauer, Ängste oder schiere Erschöpfung loszuwerden, und zwar nachhaltig und ohne dabei die Arbeit zu vernachlässigen und die Familie zu lange alleine zu lassen. Jedoch drei bis sechs Monate oder gar länger in eine psychosomatische Klinik zu gehen, können sich die meisten weder vorstellen noch leisten.

Psychosomatische Störungen in der Bevölkerung nehmen zu und mittlere Belegzeiten in psychosomatischen Kliniken von über 40 Tagen und weit mehr sind keine Seltenheit. Einmal ganz abgesehen davon, dass unser Gesundheitssystem unter den finanziellen Belastungen zu ächzen beginnt, sehe ich in meiner eigenen Praxis, wie schwer es für die betroffenen Patienten ist, sich nach so langer Zeit in einem „beschützten Rahmen“ wieder in den Alltag zu integrieren. Rückfälle und erneute längere Klinikaufenthalte sind daher keine Seltenheit.

Von der Valere Klinik habe ich von einer Bekannten erfahren, die nach langen und leidvollen Erfahrungen in den unterschiedlichsten psychosomatischen Kliniken hier in kürzester Zeit optimale Hilfe erfahren hat und der es auch jetzt, eineinhalb Jahre nach ihrem Aufenthalt in der Valere Klinik sehr gut geht.

Nach einem Gespräch mit dem Chefarzt Walter Hofmann und dem Verwaltungsdirektor Thomas Vahldieck entschloss ich mich zu einer Hospitation und konnte so ein ganzes Modul von 13 Tagen aus der Sicht der „Lernenden in zwei Welten“ erleben. Einem Zwischenstatus zwischen Therapeut und Mitpatient, der mir sowohl Einblicke in die professionelle Kompetenz als auch den Selbsterfahrungswert einer Therapie einbrachte.

Das Haus liegt idyllisch im Südschwarzwald, die Küche ist fantastisch, einerseits „Bio pur- Hausmannskost“ mit Produkten aus den umliegenden Bauernhöfen und der Region, andererseits sehr flexibel auf die individuellen Wünsche, Essensgewohnheiten und etwaigen Unverträglichkeiten des Einzelnen eingehend. Das gesamte Personal ist herzlich und schafft es, Wünsche und Geschmäcker eines jeden zu treffen. Ein hohes Lob dem Team.

Das therapeutische Team besteht, bei einer Maximalbelegung mit zwölf Patienten aus ein bis zwei Ärzten / ärztlichen Therapeuten und ein bis zwei Psychotherapeuten. Der gemeinsame Sport und die gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten mit dem gesamten Team schaffen schnell Vertrauen. Das Begegnen auf Augenhöhe ist wichtig und ein essentieller Grundbaustein für die Offenheit und das Vertrauen in die sehr intensiven therapeutischen Prozesse.

Schon bei Ankunft wird jeder Patient liebevoll empfangen, betreut, bekommt eine Führung durch das Haus. Die Zimmer sind einfach und gemütlich. Jeder bekommt eine eigene Trinkflasche mit Namen, ein Buch und einen Stift für persönliche Notizen, einen Kopfhörer und MP3 Player mit Trancen. Im Therapiegruppenraum gibt es für jeden eine Kiste mit Kissen und Decke, die auch zur Aufbewahrung persönlicher Gegenstände außerhalb der Therapiezeiten genutzt werden kann. Eine rundum familiäre Atmosphäre, in der man sich sogleich angenommen und willkommen fühlt.

Täglich bis zu zwei Einzel- und drei Gruppensitzungen, bedeutet das nicht eine Überforderung für die Patienten?

Eine so intensive und eng getaktete Betreuung eines Patienten kann nur in einem sehr liebevollen, aufgefangenen und sehr geschützten Setting funktionieren, das von dem gesamten Therapeutenteam zu jeder Zeit mitgetragen wird. All das ist in der Valere Klinik der Fall. Es wird vor allem dafür gesorgt, dass niemand überfordert wird noch sich selbst überfordert. Als Tools zur Verfügung gestellt werden dabei Elemente aus den unterschiedlichsten Verfahren und Methoden. Neben den klassischen Methoden der Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie kommen systemische, körperorientierte, hypnotherapeutische Verfahren, Psychodrama, Trauma spezifische Verfahren wie EMDR, EFT, wie auch die gängigen Entspannungsverfahren PME, AT, Yoga und Atemtherapie zum Einsatz. Auch einige Elemente aus dem NLP oder Gesundheitsübungen aus dem Chi Aikido werden angeboten. Dabei wird nichts aufgedrängt oder eine etwa damit verbundene Weltanschauung vermittelt, sondern dient lediglich als Instrumentarium, um damit weiter umzugehen. Die Intensität und das Sich- Einlassen bleibt individuell und eigenverantwortlich von jedem Einzelnen steuerbar. Dabei werden immer alle Patienten in den aktuellen therapeutischen Prozess mit eingebunden. Jeder kann für sich etwas mitnehmen, auch wenn gerade am Problem eines anderen Patienten gearbeitet wird.

Die Grundidee der Klinik ist weniger an den gängigen Verfahren orientiert als vielmehr den Prinzipien untergeordnet, die hier angestrebt werden. Das Bedürfnis des einzelnen Patienten bestimmt die therapeutische Vorgehensweise mit dem Ziel der maximalen Hilfestellung für jeden Einzelnen. Wenn hier Empfehlungen gegeben werden, dann nur nach einem abgesicherten Modus, und dem haben sich letztendlich die Verfahren unterzuordnen. Es wird durchaus auch therapeutisch szenisch regrediert, aber niemals auf der Auftragsebene.

Ohne ein paar Grundregeln geht es natürlich nicht. In einer Gruppensitzung aufstehen und weggehen wird zum Beispiel nicht akzeptiert. Wer eine Übung nicht mitmachen will, kann dies selbstverständlich tun. Bedingung dabei ist: Der innere Friede ist dennoch gewährleistet und er/sie bereut es nachher nicht.

„Unsere therapeutische Arbeit ist Potential- und Ressourcen orientiert. Wichtig ist, was dem Patienten dient. Es stellt sich hier oft die Frage, was bringt (m)eine Deutung dem Patienten? Dabei kann es durchaus auch zu einer Auftragsablehnung kommen. Therapeuten sind keine Pfarrer oder Staatsanwälte. Das ist nicht unser Job. Wir dienen ausschließlich der Salutogenese, das heißt den gesundheitsbezogenen Auswirkungen unserer Arbeit für das Individuum und das System. Uns ist es wichtig, auf Augenhöhe zu arbeiten und sehr respektvoll mit dem Patienten umzugehen“ (Walter Hofmann).

Das trifft in vollem Maße zu. Hier sind alle im Team und mit den Patienten, falls dies erwünscht ist, per „Du“ und trotzdem sind Respekt und Autorität zu jeder Zeit gewahrt.

Angefangen von der telefonischen Beratung lange vor Beginn der Therapie zeigt es sich, dass es Teil der Kultur des Hauses ist, das familiäre Setting zu pflegen. Das macht das Team menschlich, zeigt, dass auch die alle ihre Probleme haben und erleichtert somit Vieles in der Therapie.

Eine klare Indikationsstellung am Telefon allein ist allerdings problematisch. Ein persönliches Vorgespräch mit dem Patienten wäre da sicherlich ein Ziel.

Ich war sehr gespannt, wie die Patienten sich in den 12 Tagen Therapie entwickeln und welche Wirkung eine so hohe Therapie Intensität auf mich haben wird. Ich kann sagen, das Konzept ist eine „runde Sache“. Bei allen Patienten gab es sehr positive Veränderungen. Das Team ist echt, authentisch, fürsorglich und liebevoll ohne zu bewerten. Als Hospitantin hatte ich Einblicke in alle therapeutischen Prozesse. Co- Kreation wird groß geschrieben. Im allabendlichen Teammeeting wird die gesamte therapeutische Arbeit des Tages noch einmal reflektiert und im Einzelfall erörtert, was am folgenden Tag mit den Patienten erarbeitet werden soll. Somit besteht ein intensiver Austausch und optimales Teamwork.

Auch für die Rückkehr in den Alltag wird vorausschauend gesorgt. Angefangen von einem Notfallinstrumentarium, das zur Verfügung steht und aus dem jederzeit geschöpft werden, wenn einen die „Unwirtlichkeiten des täglichen Lebens“ wieder einholen, bis hin zu der Frage: „Was muss ich tun und „aktiv falsch“ machen, um schnellstmöglich wieder in alle alten Muster zu verfallen und meine früheren belastenden Situationen bestmöglich zu reaktivieren“, eine zunächst amüsierlich anmutende Gruppenübung mit letztlich sehr ernst zu nehmendem Hintergrund, die dazu dient, feine Antennen für Rückfallgefahren zu entwickeln.

Um die wissenschaftliche Wirksamkeit/ Nachhaltigkeit des Verfahrens zu belegen ist die Klinik an eine wissenschaftliche Studie der Universität Ulm angeschlossen. Anhand von Fragebögen werden die Patienten zu Beginn und am Ende des Klinikaufenthalts, sowie nach drei und sechs Monaten nach ihrem Befinden befragt. Dabei kommen zwei anerkannte Testverfahren zum Einsatz, zum Einen die GAF (Globale Erfassung des Funktionsniveaus), zum Anderen das ISR (ICD-10- Symptomrating).

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass unser Gesundheitssystem gut daran täte, dieses Therapiekonzept zu unterstützen und die Kosten dafür zu übernehmen. Alle Patienten haben große Fortschritte gemacht und waren begeistert von dem innovativen therapeutischen Konzept, bei dem individuell auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingegangen wurde. Die kurze Verweildauer und die hohe Intensität der Therapie bieten aber nicht nur Vorteile rein pekuniärer Art für das Gesundheitssystem und die Arbeitgeber. Sie helfen auch dem Patienten, schneller wieder in seine private und berufliche Umgebung zurückkehren zu können, fördern die Reintegration und dienen der Rückfallprophylaxe, da Menschen, die drei Monate und länger in dem (über-)beschützten Rahmen einer Klinik zugebracht haben, sich oft nur mühsam wieder in das tägliche Leben einfinden und häufig bei der kleinsten Unstimmigkeit erneut dekompensieren.

Die Klinikverwaltung versucht hier schon jetzt, optimal bei der Überwindung der bürokratischen Hürden zu helfen und bewirkt in vielen Fällen eine Kostenübernahme. An dieser Stelle wird jedoch noch einige Überzeugungsarbeit bei den Krankenkassen/ Versicherungen zu leisten sein. Es gestaltet sich eben schwierig, einen derart bürokratischen Apparat in Bewegung zu versetzen.

Ich jedenfalls bin überzeugt von Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der 12-tägigen Kurzzeittherapie und der Valere Privatklinik. Ich konnte sehr Vieles für die Arbeit in meiner Praxis und für mich ganz persönlich mitnehmen und danke dem gesamten Team für eine wundervolle Zeit.

Susanne Nagel

 

Praxis für Psychotherapie einschließlich Musiktherapie (HP)

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